Waren die Germanen multikulturell?

Wie manche Historiker moderne Themen auf die Vergangenheit projizieren

Furor Teutonicus (1899) von Paja Jovanović

Bild: Furor Teutonicus (1899) von Paja Jovanović

In unserem Zeitalter der politischen Korrektheit passiert es kaum noch, dass der eine oder der andere Historiker bestimmte Vorurteile über unsere Vorfahren doch beweist. Christian Pantle schafft es hie und da in seinem übrigens ganz anständigen Buch über Die Varusschlacht (Propyläen-Verlag, 2009) im Teutoburger Wald: «Bislang hatte sich die körperliche Überlegenheit der Nordgermanen in den Kämpfen gegen die Römer ausgezahlt.»1

Der Verfasser erklärt nicht, oder kann vielleicht auch nicht erklären, warum das so war. Er schreibt nur, dass der männliche Germane im Durchschnitt so groß war wie ein Elitesoldat der römischen Garde, nämlich «mit einer Mindestgröße von 1,72 bis 1,78 Meter».2 Diesbezüglich kann man nur spekulieren. Werden menschliche Körper größer wenn sie in Winterkälte aufwachsen? Bot die nördliche Landwirtschaft den ‘Barbaren’ bessere Nahrung? Inwieweit spielten Gene eine Rolle?

Viel interessanter ist es, dass Pantle den Anschein wecken will, als seien die Germanen, wie die heutigen Deutschen, immer multikulturell gewesen. Er erzählt folgendes über einen großen germanischen Treck quer durch Europa vor dem Geburtsjahr Christi:

«Darunter waren auch viele keltische Gemeinschaften, so dass der Marsch im Lauf der Zeit mehr und mehr multikulturelle Gestalt annahm. Die Germanen zeigten sich hier—wie auch in den folgenden Jahrhunderten—ganz pragmatisch, frei von jeder Volksideologie. Wilkommen war, wer nützte.»3

Schon wieder erklärt der Historiker sein warum nicht. Warum gab es damals überhaupt einen Treck von fast dreihunderttausend Menschen? Dazu kann ich ein wenig mehr außer reinen Spekulation sagen. Schon in den Jahrhunderten vor Christi führte Rom Kriege gegen Nordeuropa. Die Mediterraner raubten viele Bauerndörfer der primitiveren Kelten und Germanen leer, und versklavten manchmal ihre Frauen und Kinder. So ernährten sie die hungrige Zivilisation Roms.

Die römischen Raubzüge entwurzelten viele Nordeuropäer und stürzten sie in Armut. Sie wanderten also gar nicht aus Pragmatismus mit Frauen und Kinder durch Europa richtung Rom, sondern zwangsläufig (wie die Afrikaner und Araber heute). War also wirklich willkommen, wer nützte? Nein! Nur die, die auch Römer hassten, waren willkommen. Einige Sätze später gibt Pantle zu:

«Die Kimbern und Teutonen müssen den Römern wie geisteskranke Amokläufer erschienen sein. Der Furor Teutonicus, die teutonische Raserei, sollte später zum stehenden Begriff werden.»4

Geisteskrank wie uns muslimische Terroristen heute erscheinen. Aber wer die damaligen germanischen und keltischen Stämmen ‘multikulturell’ nennt, müsste auch behaupten, dass, wenn französische, niederländische und deutsche Pegida-Anhänger zusammen gegen ihren Feind agieren, sie auch «ganz pragmatisch, frei von jeder Volksideologie» handeln. In diesem Sinne würde Islam allen europäischen Völkern eine einzigartige Chance bieten können um, frei von jeder Volksideologie, gegen Riyadh zu kämpfen. Ich lache mich kaputt.

Das heißt eigentlich: moderne Begriffe wie multikulturell kann man—und darf man—hinsichtlich nie auf die Geschichte projizieren. Christian Pantle tut es doch und untergrabt seine Glaubwürdigkeit. Der Historiker beweist nirgendwo ob und wie die Kelten und Germanen des Völkertrecks sogenannt zusammengelebt hätten, sondern schreibt: «Wir wissen so gut wie nichts über ihr Alltagsleben—wie sie Freundschaften schlossen, sich auf die Nerven gingen, …»5

Wir wissen nicht ob die Kelten und Germanen einander liebten, ob sie Kochrezepte austauschten, ob sie ihre Töchter einander zum Heiraten schenkten. Pantle macht den gleichen Fehler wie seine nationalistischen Vorgänger. Die Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts versuchten zu beweisen, dass das deutsche Volk immer pur und überlegen gewesen war. Genauso versuchen Pantle und seine Kollegen heutzutage zu beweisen, dass die Deutschen schon immer wie multikulturelle Migranten gewesen waren.

Beide Thesen sind völliger Schwachsinn. Sie hängen vom historischen Kontext und vom Blickwinkel des Historikers ab. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass die Germanen keine Nationalisten gewesen waren, weil es noch keine Nationen gab, und dass sie auch nicht multikulturell waren, weil es auch diese moderne Ideologie nicht gab. Die Kelten und die Germanen haben nur kurzfristig zusammen gegen die Römer gekämpft, und haben sich später wieder in unterschiedlichen Völker getrennt.

Der germanische Hauptmann Arminius gewann seinen Krieg gegen Varus. Sein keltischer Kollege Vercingetorix verlor gegen Cäsar. Darum sprechen die Franzosen heute eine romanische Sprache und die Deutschen nicht. Falls die Deutschen und Franzosen heute den Krieg gegen Riyadh verlieren würden, werden ihre Nachfahren arabisch sprechen—ganz multikulturell!


1 Christian Pantle, Die Varusschlacht: Der germanische Freiheitskrieg (Berlin: Propyläen-Verlag, 2009), Kap. 1: Erster Zusammenprall.
2 Ebd., Kap. 1.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd.

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